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“Die Zeit scheint dafür mittlerweile reif”

Oder: wie gründet man einen Capoeira-Dachverband

Interview mit Mestre Bem-Te-Vi


Hallo, schön dich zu treffen! Stell dich unseren Leser:innen doch mal kurz vor.

Porträt von Mestre Bem-te-vi. Er sitzt auf einem Holzstuhl, trägt ein weißes Shirt mit der Aufschrift "Capoeira Rucungo - Mestre bem-te-vi". In der Hand hält er ein Berimbau.

Hi! Mein Name ist Ben Golmard. In der Capoeira-Community kennt man mich unter dem Namen Mestre Bem-Te-Vi. Ich bin 49 Jahre alt und Vater von vier Kindern. Ich lebe in Frankreich, in der Peripherie von Paris und trainiere Capoeira seit 33 Jahren, davon die letzten 25 Jahre als Lehrer. Außerdem unterrichte ich andere Kampfsportarten, wie BJJ, MMA und Kickboxen. 1999 bin ich zu Capoeira Brasil gekommen und gehöre zur Linie von Mestre Paulinho Sabia. Ich gehöre zur ersten Generation der nicht-brasilianischen Capoeira-Lehrer und war bei GCB der erste französische Capoeira-Mestre. Mittlerweile gehöre ich zur Gruppe Capoeira Rucungo.


Ihr gründet einen Dachverband für französische Capoeira-Gruppen. Erzähl doch mal, wie es dazu kam.

Logo der FFDEC: Ein stilisierter Hahn in rot-weiß-blau mit berimbau vor der Brust. Obendrüber steht in einem Kreis "Federaction des écoles de Capoeira" und untendrunter "Culture - Sport - Histoire - Lutte - Danse - usique - Art" sowie die Begriffe "Angola", "Regional", "Contemporanea"

Die Idee dazu ist eigentlich schon recht alt. Im Gegensatz zu vor zwanzig Jahren scheint die Zeit dafür aber mittlerweile reif (lacht). Nein, wirklich! Wir waren selbst überrascht, wie viel Zuspruch wir aktuell bekommen. Alle bekannten Capoeira-Gruppen sind interessiert an diesem Projekt und dazu noch viele kleine, die ich zum Teil selbst bisher nicht mal kannte.

Aktuell wieder aufgebracht hat die Idee Mestre Pedigree von der Gruppe Capoeira Malungos aus Lyon. Früher fanden viele Leute in der Capoeira-Szene diese Ideen eher ein bisschen verdächtig. Es fühlte sich für sie an, als wolle jemand sie kontrollieren. Und sie sahen darin keinen realen Mehrwert. Damals boomte Capoeira als Livestyle-Kampfkunst. Die Leute sind den Gruppen die Türen eingerannt und wollten unbedingt Capoeira lernen, ganz egal zu welchen Bedingungen. Die großen Capoeira-Gruppen haben diese Strömung damals aufgenommen und “versorgt”.


Was ist deiner Einschätzung nach heute anders?

Mittlerweile stehen wir mit der französischen Capoeira an einem anderen Punkt. Wir haben nicht mehr so viele Schüler:innen wie vor 10 oder zwanzig Jahren. Die großen Capoeira-Gruppen spielen innerhalb der Community auch nicht mehr eine fundamentale Rolle. Statt drei oder vier Platzhirschen sehen wir heute eine wachsende Vielfalt eher kleinerer Gruppen, in denen sich verschiedene Einflüsse mischen. Außerdem, und das darf man auch nicht vergessen, blicken wir auf mittlerweile 43 Jahre Capoeira-Kultur in Frankreich zurück. 80 Prozent der heute Unterrichtenden sind keine Brasilianer:innen. Einige waren nie in Brasilien. Es hat sich eine eigene Kultur gebildet. Und auch diese Lehrer und Lehrerinnen suchen nach Anerkennung und Akzeptanz innerhalb der Szene.


Von links nach rechts: Mestre Cigano, Mestre Bem-Te-Vi und Mestre Steen stehen nebeneinander, haben sich die Arme um die Schultern gelegt und lächeln in die Kamera. Sie tragen alle das gleiche mintgrüne Festival-Shirt. Im Hintergrund kann man eine Sporthalle mit Tribüne sehen.
Gringos ;) Mestre Cigano (Deutschland), Mestre Bem-te-vi (Frankreich) & Mestre Steen (Dänemark)

So ist aus dieser französischen, europäischen Perspektive heraus die Einsicht gewachsen, dass wir den veränderten Rahmenbedingungen heute mit neuen Organisationsstrukturen Rechnung tragen müssen. Dabei soll der neue Verband kein Ersatz für die Gruppen von damals sein, sondern eine übergeordnete Struktur werden, die Gruppen und Unterrichtende dabei unterstützt, gutes und professionelles Capoeira anbieten zu können.


Was sind die Ziele, die die Fédération des Ecoles de Capoeira” (FFDEC) verfolgt? Was wollt ihr anpacken?

Die Gruppen waren früher unfassbar wichtig, damit die Capoeira überhaupt ihren Weg nach Europa finden konnte. Aber teilweise haben sie es im weiteren Verlauf nicht geschafft, ihre Lehrer:innen im weiteren Verlauf mit einer langfristigen professionellen Infrastruktur auszustatten. Ich will kurz ein Beispiel geben, um meinen Punkt deutlich zu machen:

Wenn ich heute eine Judoschule eröffnen möchte und Mitglied im Französischen Judo-Verband bin, dann kümmert dieser sich für mich darum, dass ich eine Webseite erhalte, hilft mir bei der Akquise von Mitgliedern, stellt mir Deko für die Inneneinrichtung zur Verfügung und stellt einen rechtlichen Beistand für die Formalia. Das kann der Judo-Verband deshalb für mich leisten, weil er staatlich anerkannt ist und so von entsprechenden Ressourcen, die von der französischen Verwaltung für die Sport-Organisation bereitgestellt werden, profitieren kann.

In der Capoeira muss man sich um die meisten Dinge neben dem Training nach wie vor selbst kümmern. Und manche Menschen sind tolle Lehrer:innen, aber schlechte Organisator:innen. Die brauchen Unterstützung.


Das Problem ist doch, dass Unterrichtende, die mit den Strukturen in ihren Gruppen nicht zufrieden sind, unzufrieden werden und früher oder später entweder mit der Capoeira aufhören, die Gruppe wechseln oder eine eigene Gruppe gründen. Das führt aber insgesamt zu einer Zersplitterung und Schwächung der Capoeira-Community. Und die alten Probleme werden durch diese Schritte meist auch nicht gelöst.



Mestre Bem-te-vi im Capoiera Spiel. Er tritt eine Queixada mit rechts, die mitspielende Person, von der man nur die Rückseite und den Hinterkopf sieht, weicht mit einer Esquiva unter dem Tritt aus.

Zunächst einmal müssen wir die Capoeira also sichtbarer machen und dafür sorgen, dass sie von offizieller, staatlicher Seite anerkannt wird. Es gibt Capoeira überall in Frankreich! Aber wir selbst haben dazu überhaupt kein Hintergrundwissen. In welchen Städten gibt es Capoeira-Gruppen, wie viele Capoeiristas trainieren dort? Wie ist die Verteilung von Männern und Frauen? Eine totale Blackbox. Wenn wir unsere Aktivitäten selbst nicht beschreiben können, wie sollten wir dann von der französischen Regierung anerkannt werden?

Nach der staatlichen Anerkennung muss es im nächsten Schritt darum gehen, den Gruppen Unterstützung anzubieten. Der erste ist insofern mit dem zweiten Schritt verbunden, dass erst die offizielle staatliche Anerkennung einer Sportart die Türen zu staatlicher Unterstützung öffnet. Jetzt in der Pandemie haben wir schmerzlich erfahren, wie schwer es ist, ohne diese unterstützende Struktur durch eine Krise zu kommen. Die anderen Sportverbände erhielten in der Krise finanzielle Unterstützung und es wurden spezielle Programme aufgelegt. Das alles ist der Capoeira-Community zur Zeit nicht zugänglich. Erst nach der staatlichen Anerkennung kann man Vorteile wie kostenlose Versicherungen oder auch Zugang zu staatlichen Strukturen wie Schulen und Universitäten nutzen und erwirbt das Recht auf finanzielle oder personelle Unterstützung.


Wie gründet man einen neuen Verband - wie muss ich mir das konkret vorstellen?

Um in Frankreich eine (anerkannte) Sportart unterrichten zu dürfen, benötigt man dafür einen staatlich anerkannten Abschluss. Hier müssen wir die entsprechende Systematik inklusive eines dreistufigen Systems überhaupt erst erfinden. Denn dem Staat ist es egal, ob jemand Mestre, Contra-Mestra oder Professor ist. Man braucht eine staatliche Anerkennung und diese ist für Menschen, die nicht verbandlich organisiert sind, entsprechend teuer.

Wir müssen eine Statistik vorweisen und dafür die entsprechenden Daten zusammentragen. Wie viele Männer, Frauen und Kinder trainieren Capoeira?

Außerdem müssen eine Vielzahl weiterer Vorgaben erfüllt sein, um als Verband anerkannt zu werden. Man muss nachweisen, dass man ein inklusives Angebot schafft; Frauen fördert in den Sportarten, in denen sie unterrepräsentiert sind, sich um Gesundheitsaspekte kümmert, solche Sachen.

Ich habe das Glück, dass ich selbst beide Welten gut kenne. Die Capoeira-Welt durch viele Jahre Erfahrung als Capoeira-Lehrer und die Welt der Sportverbände durch meinen Hauptjob als Lehrer für andere Kampfsportarten. Ich kenne die Anforderungen und blicke bei den Vorgaben durch. Und durch diese Erfahrungen kann ich dazu beitragen, beide Welten von unserer Idee zu überzeugen. Es liegt ein riesiger Berg Arbeit vor uns und das meiste davon ist nicht mal besonders spannend, da es sich um sehr bürokratische und formalisierte Prozesse handelt.


Wie kommt die Idee bei den französischen Capoeira-Gruppen an?

Erstaunlich gut! Alle wollen mitmachen. Ich denke es ist erkannt worden, dass wir aus der jetzigen Parallelstruktur raus müssen und rein in das offizielle System. Erst dann können wir für die nächste Generation Capoeira-Lehrer:innen - und in der Folge natürlich auch für unsere Schüler:innen transparente und organisierte Rahmenbedingungen schaffen. So können sich die Unterrichtenden auf die Trainingsdidaktik konzentrieren, denn auch die Art und Weise, wie Capoeira unterrichtet wird, muss kontinuierlich weiterentwickelt werden.


Mestre Bem-Te-Vi, vielen Dank für dieses spannende Gespräch!



Nachklapp

Logo der Fédération Sportive et Culturelle de France (vier stilisierte, farbige Buchstaben mit dem Zusatz "Commission Nationale Capoeira, eingerahmt von dem stilisierten Hahn auf der linken und dem Berimbau auf der rechten Seite

Das Interview wurde bereits im Frühjahr geführt. Im Juli 2022 verlautbarte die FFDEC, dass ihre Gespräche mit der französischen Regierung ergeben hatten, dass diese derzeit nicht dazu berufen ist, neue Verbände anzuerkennen. Daher wurden die Capoeira-Funktionär:innen ermutigt, sich einem bereits bestehenden Verband anzunähern. Nach Prüfung mehrerer Möglichkeiten, fiel die Wahl auf die Fédération Sportive et Culturelle de France (FSCF), da deren Werte den Werten der FFDEC besonders nahe zu kommen scheinen. Somit wird die "Fédération des Ecoles de Capoeira" zur "Commission Nationale Capoeira" (CNC), die Capoeira in der Commission Nationale des Arts Martiaux et Sports de Combat der Fédération Sportive et Culturelle de France vertritt. An den Zielen ändert sich nichts und die Handlungsfreiheit der CNC soll auch in Zukunft erhalten bleiben.



Weiterführende Links

  • Die Webseite der FFDEC findet man hier.

Buchtitel des Buches "La Capoeira devoilée". Eine weiße Zeichnung auf schwarzem Grund von einem Mann, der einen Hut und ein rotes Halstuch trägt
  • Das Buch von Mestre Bem-Te-Vi (leider nur auf Französisch) heißt “La Capoeira dévoilée” (“Capoeira enthüllt”). Nach einem historischen Überblick folgt eine Beschreibung der Elemente der Capoeira inklusive ihrer Rituale und Rodas. Der dritte Teil beschreibt methodische und pädagogische Prinzipien, für den Unterricht der Capoeira. Hier könnte man das Buch bestellen (aber wir empfehlen natürlich, es - wenn möglich - über den lokalen Buchhandel zu beziehen).