„Ich mag keine halben Sachen“ Im Gespräch mit Mestre Negão

Jeder Capoeira-Anfänger lernt: In der Capoeira gibt es zwei Stilrichtungen, nämlich „Regional“ und „Angola“. Während die Capoeira Regional moderner und athletischer anmutet und zumeist schneller gespielt wird, ist die Capoeira Angola traditioneller und statt um sportliche Höchstleistungen geht es eher darum, den Partner in der Roda übers Ohr zu hauen.


Die Roda „Vadeia Sampa“ verfolgt einen besonderen Ansatz.* Ihr Claim: „Nem Angola nem Regional, simplesmente Capoeira“ („weder Angola noch Regional, sondern einfach Capoeira“). Ihr Gründer, Mestre Negão (Grupo Cadencia Brasil) ist zur Zeit ein begehrter Mann. Vadeia Sampa fand unter diesem Namen zum ersten Mal 2012 in der Kirche São Bento in São Paulo statt und schlug sofort ein wie eine Bombe. Verschiedenen Youtube-Mitschnitte verzeichnen heute teils über 100.000 Klicks. Neben der Organisation von Vadeia Sampa und den damit verbundenen weltweiten Reisen, unterhält Mestre Negão eine Werkstatt für exzellente Capoeira-Instrumente (diese unverwechselbaren Schmuckstücke kann man über Kalango seit einer Weile übrigens auch in Deutschland kaufen).

Mestre Negão war im Rahmen seiner Deutschlandreise 2017 auch zu Besuch in Darmstadt und hat uns erzählt, was es mit Vadeia Sampa auf sich hat.**

Mestre Negão, wie müssen wir uns die Capoeira São Paulos vorstellen?

„Für mich repräsentiert die Capoeira São Paulos noch das capoeiragem der 50er Jahre, also die Zeit, bevor es die Unterscheidung zwischen Angola und Regional gab. Bis heute ist unsere Capoeira ziemlich gemischt und oft nicht nur einem der beiden Stile zweifelsfrei zuzuordnen. Die meisten Mestres, die in São Paulo unterrichten und die Capoeira hier geprägt haben, hatten selbst eine gemischte Linie.

Außerdem war der Austausch untereinander schon immer wichtig. Man muss dazu wissen, dass sich in den 90er Jahren fast überall in Brasilien die Capoeiragruppen bekämpft haben. Es war ein regelrechter Krieg. Ständig gab es Schlägereien in den Rodas und regelmäßig Tote. In São Paulo gab es Auseinandersetzungen wie in Rio und Bahia nie in diesem Ausmaß. Es gab immer schon Rodas mit Teilnehmer*innen unterschiedlicher Gruppen.„

Vadeia Sampa war von Anfang an extrem professionell organisiert. Was ist deine Idee dahinter gewesen?

„Ich mag keine halben Sachen. Es war mir wichtig, die Wahrheit und Werte der Capoeira aus São Paulo richtig zu zeigen und zu zeigen, dass es sich nicht um eine Kopie von „Movimento Novo“ aus Rio handelt.*** Dass Vadeia Sampa in der Capoeira-Szene wie eine Bombe einschlagen würde, habe ich allerdings auch nicht erwartet.“

Was macht Vadeia Sampa so besonders?

„Vadeia Sampa ist ein Gegenentwurf zur zeitgenössischen Capoeira Contemporanea (trotzdem spielen auch viele zeitgenössische Capoeiristas bei Vadeia Sampa). Sie hat zwei wichtige Elemente: Das erste ist die klassische Mischung der Capoeira São Paulos ohne Unterscheidung in Capoeira und Capoeira Angola. In dieser Roda sieht man Elemente beider Stilrichtungen.

Das zweite wichtige Element ist der starke Einfluss der Schule Mestre Ananias’ („Casa Mestre Ananias“). Diese repräsentiert die traditionelle Straßencapoeira São Paulos, wie sie zum Beispiel in der berühmten Roda da Republica gespielt wird, ist aber organisierter. Das Spiel der Vadeia Sampa ist im Gegensatz zu diesen Straßenrodas allerdings zwar auch gefährlich, aber nicht gewalttätig.“


Wie wird man erfolgreicher jogador bei Vadeia Sampa?

„Diese Art des Spiels braucht viel Übung. Am besten versucht man, malandragem („Schlitzohrigkeit“) regelmäßig ins eigene Training zu integrieren. Dabei geht es darum, „schlau“ zu spielen, den/die Mitspieler*in übers Ohr zu hauen und dafür den sauberen Stil im Zweifel auch mal loszulassen. Vadeia Sampa ist definitiv keine Anfängerroda. Hier spielen nur erfahrene Capoeiristas.

Ganz wichtig ist außerdem permanente Wachsamkeit. Und zwar immer! Nicht nur während des eigentlichen Jogos innerhalb der Roda, sondern auch während der ritualisierten Teile, die das Spiel einrahmen, wie zum Beispiel dem Warten am Berimbau oder dem volta do mundo). Diese Art des Spiels kommt aus Rodas, bei denen es im wahrsten Sinne des Wortes um Leben und Tod gehen konnte. Wenn es ums Überleben geht, darf die eigene Wachsamkeit natürlich keine Sekunde nachlassen!

Als Spieler*in sollte man stets als erstes die Verbindung zur Musik herstellen. Das eigene Jogo muss unbedingt zur Musik passen. Spätestens, wenn das Spiel heiß wird, wechselt der*die Leiter*in der Roda das Klatschen zu Palma de Terreiro.

Zu guter Letzt sollten die Spieler*innen anerkennen, dass das Jogo de vadiacao aus drei wesentlichen Phasen besteht: Die erste Phase ist die „Komplizenschaft“. Im Zusammenkommen werden aus zwei Personen eine. Harmonie und Nähe entsprechen der eines Liebespaars (lacht). Auch wenn die Roda vielleicht schon etwas schneller ist, sollten sich die Spieler*innen immer die Zeit für Phase 1 nehmen und diesen Schritt keinesfalls auslassen. In Phase 2 wird die Aufmerksamkeit des*der Anderen angetestet. Man versucht ein Gefühl dafür zu bekommen, ob der*die Andere das eigene malandragem erkennt und entsprechend zu reagieren in der Lage ist. Erst in Phase 3 werden anschließend die wirklichen Zaubertricks ausgepackt. In diesem Flow wird das Spiel dann noch mal auf ein höheres Level gehoben.“

Mestre Negão, vielen Dank für dieses Gespräch!

Wer übrigens noch mehr von Mestre Negão wissen möchte (zum Beispiel wie er zur Capoeira und zum Instrumentenbauen kam) findet unter folgendem Link ein kleines Interview von Mestre Cigano.

*„Sampa“ ist ein umgangssprachlicher Ausdruck für „São Paulo“. „Vadeia“ kommt von „vadear“ und hat mehrere Bedeutungen. Im Capoeira-Kontext heißt es meistens „zusammen spielen“. Andere Bedeutungen sind „zusammen rumhängen“ oder „sich rumtreiben“. Man könnte „Vadeia Sampa“ also mit „São Paulo spielt“ übersetzen. Der Begriff beinhaltet bereits die Offenheit und den Austausch zwischen den unterschiedlichen Gruppen aus São Paulo. „Vadeia“ gibt einen Hinweis auf den grundsätzlich freundschaftlichen Charakter dIeses Events.

**Das Interview basiert auf einer Tonaufnahme im Rahmen des „Papoeira“ beim Besuch von Mestre Negão in Darmstadt aus dem Juni 2017. Besonderer Dank gebührt Xuxu für einen Großteil der Transkription!

*** Movimento Novo war eine Roda, die von 2008 bis 2018 jährlich in Rio de Janeiro stattfand. Auch diese Roda berief sich auf die Tradition der vielfältigen Straßenrodas und einen überverbandlichen Austausch von Capoeiragruppen.