„Training beginnt im Gehirn“

So lautet der Titel eines Buches über sogenannte „Neuroathletik“. Doch gilt diese Aussage auch fürs Capoeira? Und „Neuroathletik“, was ist das eigentlich? Im folgenden Video wird das Konzept kurz erklärt.

Zusammengefasst:

  • Unser Gehirn hat die vorrangige Aufgabe, unsere Sicherheit zu garantieren. Wenn es sich nicht sicher sein kann, dass es dieser Pflicht nachkommen kann, wird die körperliche Leistungsfähigkeit vorsichtshalber gedrosselt.

  • Das Gehirn erhält seinen Input für möglichst optimale und effiziente Bewegungen hauptsächlich von den drei bewegungssteuernden Systemen:

  1. Visuelles System („Augen“),

  2. Vestibuläres System („Gleichgewichtssinn“, verortet im Innenohr),

  3. Propriozeptives System („Bewegungssystem“, Modell aus Informationen aus Gelenken und Mechanorezeptoren in Haut & Muskeln)

  • Sowohl die Bewegungsinformationen, die im Gehirn ankommen, als auch deren Verarbeitung können mit Hilfe der Neuroathletik verbessert werden. Steigt die Qualität der Information und somit das „Sicherheitsempfinden“ unseres Gehirns, verbessert sich auch die körperliche Leistungsfähigkeit.

Der Selbstversuch

Ein Training, das zur unmittelbaren Steigerung der körperlichen Leistungsfähigkeit führt? Das klingt ja fast zu gut um wahr zu sein! Ich habe daher nach der Lektüre von „Training beginnt im Gehirn“ einen kleinen Selbstversuch unternommen:

DISCLAIMER: Es handelt dabei natürlich nicht um eine statistisch abgesicherte Studie. Die Auswahl der Übungen (allgemeine Neuroathletik-Übungen bzw. aus dem Spektrum der Übungen für das propriozeptive System) erfolgte einigermaßen zufällig. Die Übungen sind im Zeitraffer dargestellt (ich wollte Euch einen 8 Minuten dauernden Film, in dem Im Wesentlichen in Zeitlupe Gelenke gekreist werden, gern ersparen) und ihre Ausführung ist aufgrund der mangelnden Übung sicher nicht „perfekt“ (also bitte macht das SO nicht zu Hause nach!). Ich habe dabei gemerkt, dass es gar nicht so einfach ist, Gelenke einzeln zu mobilisieren. Es erfordert einige Übung und vielleicht sogar den geschulten Blick eines Profis.

Einfach mal ausprobieren…

Wer nicht die Zeit oder Muße hat, sich tief ins Thema einzuarbeiten, dem seien an dieser Stelle einige kleine Übungen aus dem Buch „Training beginnt im Gehirn“ ans Herz gelegt, die man unkompliziert ins eigene Training integrieren und ausprobieren kann, ob sie die eigene Performance positiv (und vielleicht sogar unmittelbar?) beeinflussen (ich habe sie in meinem Selbstversuch ebenfalls aufgegriffen, siehe Video).

Stimulation & Mobilisierung der wichtigen Gelenke

Unser Gehirn erzeugt mit Hilfe des propriozeptiven Systems ( also z.B. aus der Position und Stellung unserer Gelenke) ein sich ständig aktualisierendes dreidimensionales Bild unserer eigenen Bewegungen. Die Fähigkeit, Gelenke aktiv und gezielt zu kontrollieren, führt deshalb zu einer schnellen Leistungssteigerung. Es ist von Vorteil, alle wichtigen Gelenke (Fußgelenk, Knie, Hüfte, ) für 5-10 Sekunden sensorisch zu stimulieren (z.B. durch Reiben, Klopfen, Drücken oder Vibrieren), bevor diese anschließend kontrolliert mobilisiert werden (durch langsames Kreisen und Neigen unter Ausnutzen des gesamten Bewegungsradius).

Wichtige Gehirnareale aktivieren

Die Kommunikation zwischen den Gehirnhälften als auch die Aktivität der Kleinhirnhälften kann man durch Kreuzkoordinationsübungen verbessern. Diese kann man leicht für 1 oder 2 Minuten ins Warm-Up integrieren (z.B. Überkreuzmarschieren auf der Stelle, dabei greift die dem angewinkelten Knie gegenüberliegende Hand dieses von außen. Sowohl Knie als auch Hand sollten dabei im Idealfall die Körpermitte kreuzen).

Unterstützende Zungenarbeit

Die Zunge ist im Neuroathletiktraining eine regelrechte Allzweckwaffe, die durch ihre komplexen neuronalen Verschaltungen die Gelenksarbeit wirksam unterstützt. Sie aktiviert Hirnnerven im Stammhirn (zuständig für den Rhythmus von Bewegungen), aber auch Inselrinde und Kleinhirn (beide sind an der Integration von Gleichgewichtsinformationen beteiligt). Übungen sind beispielsweise Zungenkreisen (vor den Zähnen mit geschlossenem Mund, 10 bis 20 Sekunden) oder das abwechselnde Heraus- und Hineinschieben der Zunge aus dem Mund für ca. 10 bis 30 Sekunden.

Wer (etwas) mehr will

Dieses Video demonstriert einige aus Sicht von Physiotherapeuten besonders sinnvolle Übungen für die drei bewegungssteuernden Sensorsysteme und ermöglicht einen erweiterten Einblick ins Thema Neuroathletik.


So wird man Profi

Wenn Ihr nun endgültig Blut geleckt habt und mit Hilfe von Neuroathletiktraining Eure sportliche Leistungsfähigkeit steigern möchtet, dann sei Euch das Buch „Training beginnt im Gehirn“ von Lars Lienhard sehr ans Herz gelegt.

Mir gefällt besonders, dass der Autor seinen Lesern nicht ein „Patentrezept“ verkaufen möchte, sondern sehr ausführlich darauf eingeht, dass jeder Sportler unterschiedlich auf Neuroathletikübungen reagiert. Er zeigt auf, wie man die Übungen auf Tauglichkeit testet, um die eigene Performance zu steigern und gezielt an Schwachstellen zu arbeiten. Es enthält unzählige Übungen, die die Leistung der drei wesentlichen Sensorsysteme (Augen, Gleichgewichtssinn, Propriozeptives System) anregen und die Gehirnareale, in denen diese Reize verarbeitet werden, aktivieren sollen. Aber Achtung: Fortgeschrittene, die alle Übungen konsequent durchgehen wollen, brauchen vor allem für den Bereich „Augen“ Zusatzequipment, das man separat kaufen muss.


Fazit

Wenn ich meinem Selbstversuch Glauben schenke, dann kann die Integration von Neuroathletik-Elementen ins eigene Training die eigene Leistungsfähigkeit durchaus (auch schon kurzfristig!) verbessern. Allerdings erfordert die korrekte Ausführung der Übungen Übung sowie ihre individuelle Zusammenstellung zusätzliche Zeit. Wer sich stark auf den visuellen Bereich fokussieren möchte, benötigt darüber hinaus auch zusätzliches Equipment. Ob man Geld und Zeit auf diesen zusätzlichen Ansatz verwenden möchte, ist Abwägungssache. Aus meiner Sicht kann die Neuroathletik vor allem ambitionierten Capoeiristas, die das Potential des „normalen“ Trainings bereits vollständig ausschöpfen, neue Leistungsbereiche erschließen. Für Anfänger sind aus meiner Sicht Neuroathletik-„Basisübungen“, die sich ohne großen Zeitaufwand ins Training integrieren lassen, am sinnvollsten.