Und täglich grüßt das Murmeltier

Brauchen wir im Jahr 2021 noch einen Weltfrauentag? Und warum ist die Gleichstellungsfrage auch in der Capoeira wichtig?


- verfasst von Emcima -


Da manche Menschen nicht die Zeit haben, einen langen Artikel zu lesen, möchte ich das Hauptthema dieses Beitrages ganz nach vorne stellen: nämlich die herzliche Einladung von Professora Oncinha an Capoeira-Mädchen und Frauen aller Capoeira-Gruppen, am 13. März zusammenzukommen.

Nicht nur möchten wir an diesem Tag gemeinsam trainieren, sondern uns auch zum Thema Feminismus und Gleichberechtigung in der Capoeira in Deutschland austauschen. Dazu hat Professora Oncinha eine faszinierende Gästin eingeladen: Instrutora Lilás ist seit 20 Jahren Capoeira-Trainerin, vierfache Europa-Meisterin von Capoeira Abadá und im Vorstand von zwei Capoeira-Vereinen. Vielleicht habt Ihr ja Lust, ihrem Instagram-Account zu folgen?


Und nun kommt die Einordnung für alle, die sich für den Hintergrund dieser Einladung interessieren :)


Alle Jahre wieder findet am 08. März der internationale Frauentag oder Weltfrauentag statt. Manche Männer begreifen dieses Datum als eine Art Muttertag 2.0 und schenken ihrer Liebsten Blumen oder laden sie zum Essen ein, um ihre Wertschätzung und Liebe zum Ausdruck zu bringen. Das ist eine sehr schöne Geste, aber sie geht an der Zielsetzung dieses Tages doch ein wenig vorbei.

Die Landeszentrale für politische Bildung BW fasst diesen wie folgt zusammen:

"Der Tag soll die bisherigen Errungenschaften der Frauenrechtsbewegung feiern, die Aufmerksamkeit auf bestehende Diskriminierung und Ungleichheiten richten und dazu ermuntern, sich für eine Geschlechtergerechtigkeit einzusetzen."


Historische Einordnung

Schauen wir uns doch kurz einmal an, wo der Weltfrauentag überhaupt her kommt.

Der Weltfrauentag entstand im Fahrwasser der politischen Forderungen nach Einführung eines Frauenwahlrechts. Am 27. August 1910 beschlossen 100 Delegierte aus 17 Ländern auf der zweiten Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz die Einführung eines jährlichen Internationalen Frauentags. Ziel und Hauptforderung war das Frauenwahlrecht. Damit war der Internationale Frauentag offiziell ins Leben gerufen.

Am 19. März 1911 fand er zum ersten Mal statt (in Dänemark, Deutschland, Österreich, der Schweiz und den USA ). Dieses Datum unterstrich den revolutionären Charakter des Frauentags, denn der nahegelegene 18. März war bereits Gedenktag für die Revolution 1848. Nach einigen Änderungen in den Folgejahren ist der Weltfrauentag seit 1921 auf den 8. März festgelegt.


"Nun ja, das ist gut und schön", mag die eine oder andere jetzt denken, "Aber das Frauenwahlrecht ist ja nun bereits seit mehr als 100 Jahren in Kraft (außer in der Schweiz, die dieses tatsächlich erst 1971 einführte [!]). Ist es denn heute, wo die Gleichstellung der Geschlechter in Deutschland sogar grundgesetzlich verankert ist, noch notwendig, sich überhaupt mit diesem Thema zu beschäftigen? Sollten wir nicht unsere Energie auf erquicklichere Dinge, wie beispielsweise unser Training richten?"

Die Landeszentrale für politische Bildung schreibt dazu in ihrem Geschichts-Dossier:

"Nachdem das Wahlrecht für Frauen errungen war, rückten andere Ungleichbehandlungen in den Mittelpunkt des 8. März, an dem Frauen mit Demonstrationen und Kundgebungen auf ihre Benachteiligung aufmerksam machten. Zentrale Forderungen waren Arbeitsschutzgesetze, gleicher Anspruch auf Bildung, ausreichender Schutz für Mütter und Kinder, gleicher Lohn für gleiche Arbeit oder legaler Schwangerschaftsabbruch. In all diesen Bereichen mussten Frauen massive Einschränkungen und Gebote hinnehmen, die dem hierarchischen Geschlechterverhältnis geschuldet sind."

Zur Erinnerung: Diese Forderungen kommen aus den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts! Trotzdem diskutieren wir HEUTE immer noch (und seit Beginn der Pandemie sogar wieder stärker) Themen wie den Gender Pay und den Gender Care Gap, (also die Tatsache, dass Frauen nach wie vor weniger verdienen als Männer und den Hauptteil der familiären Sorgearbeit leisten), müssen über Frauenquoten nachdenken, weil Frauen trotz gleicher Qualifikation in den deutschen Vorstandsetagen nach wie vor ein Randphänomen darstellen und für den Abbruch ungewollter Schwangerschaften nach wie vor kriminalisiert werden. Also ja: Leider haben wir trotz einer vermeintlichen und grundgesetzlich garantierten Gleichstellung noch einiges an gesellschaftlichem und politischen Nachholbedarf. Daher ist es auch so wichtig, zusammenzukommen, uns auszutauschen und zu reflektieren, was wir als Einzelne dazu beitragen können, die Welt noch ein wenig gleicher zu machen.


Und was hat das alles mit uns und der Capoeira zu tun?

Ich finde zwei Aspekte dieses Themas besonders spannend bzw. relevant auch für uns als Capoeiristas:

Erstens, dass wir uns in der Capoeira-Kultur genau wie auch in der Arbeitswelt in einem historisch gewachsenen, nach wie vor sehr androzentristischen System bewegen. Was bedeutet das? Wikipedia erklärt Androzentrismus wie folgt: "Androzentrismus ist eine spezifische Form von Sexismus, in der das Weibliche nicht zwangsläufig als minderwertig bezeichnet, sondern einfach als „das Andere“, „das von der Norm Abweichende“ aufgefasst wird. Stillschweigend wird dabei „Mensch“ als „Mann“ und die männliche Sicht der Dinge als die allgemeingültige gesetzt."

Was ich daran besonders interessant finde, ist die systemische Betrachtung. Es geht überhaupt nicht darum, dass Männer Frauen bewusst und absichtlich von Macht oder Einfluss fernhalten, sondern dass das System und die damit verbundenen Rollenzuschreibungen tatsächlich gleichgestellte Kultur erschweren. Das System wurde ursprünglich von Männern errichtet und ist so natürlich primär auf die Bedürfnisse, Stärken und Stereotype von Männern ausgerichtet. Frauen sind später hinzugekommen und fügen sich in dieses System ein, sind aber grundsätzlich zunächst benachteiligt, da sie in einem System, das auf einer anderen Norm basiert, ihre Stärken nicht voll ausspielen können. Ein Beispiel aus der Capoeira-Praxis: Die meisten Frauen verfügen aufgrund ihrer muskulären Physiologie über weniger Schnellkraft als Männer. In einem System, in dem "maximal schnell treten" die Königsdisziplin darstellt, werden sie daher im direkten Vergleich den kürzeren ziehen. Solange weibliches Capoeira lediglich das Capoeira der Männer imitiert, wird es fast immer nur den zweiten Platz auf dem Treppchen belegen. Wer sich dafür interessiert: Der Tagesspiegel hat einen spannenden Artikel zu psychologischen Hürden in der Gleichstellung von Mann und Frau verfasst.


Wie hat sich die Rolle der Frauen in der Capoeira in den letzten Jahren verändert? Wo wollen wir hin?


Der zweite Aspekt ist der, dass viele Frauen (und davon nehme ich mich nicht aus) ihre untergeordnete Rolle in diesem System bereits so stark verinnerlicht haben, dass sie diese bereits in vorauseilendem Gehorsam einnehmen, ohne tatsächlich dazu "gezwungen" zu werden. Das kann man beispielsweise in vielen Capoeira-Rodas beobachten, wenn man die Verteilung der Instrumente innerhalb der Bateria betrachtet. Selbst wenn Frauen die Wahl haben, entscheiden sie sich häufig für die weniger dominanten, eher untergeordneten Instrumente.


Mein persönliches Fazit:

Ja, wir (alle! auch die Männer) müssen darauf hinarbeiten, dass sich am System was ändert. Die Frage, ob wir dafür eine Frauenquote für den Anteil von Lehrerinnen auf Festivals fordern müssen, verschiebe ich an dieser Stelle auf unser Treffen am 13.03. ;) Wir müssen aber auch unbedingt, und das ist fast noch wichtiger, an unserer eigenen Haltung arbeiten, wenn wir als Frauen den uns zustehenden Platz innerhalb der Capoeira Community einnehmen und die Norm so langfristig verändern möchten - das wird uns niemand abnehmen.

Sehr positiv finde ich, dass sich bereits sichtbar was tut in der Szene (hier noch mal das Beispiel der Bateria) und wir bereits Teil einer positiven Entwicklung sind hin zu mehr "gender equality" in der Capoeira. Wie wir diese weiter unterstützen können und welche Rolle unsere eigene Haltung dabei spielt, darüber sprechen wir ja vielleicht am 13.03. - das würde mich sehr freuen!


Mehr Frauen auch an den dominanten Instrumenten - eine erfreuliche Entwicklung der letzten Jahre!


Übrigens: Das Motto für den Weltfrauentag 2021 der Vereinten Nationen lautet „Women in leadership: Achieving an equal future in a COVID-19 world“ (deutsch: „Frauen in Führungspositionen: Für eine gleichberechtigte Zukunft in einer COVID-19-Welt“). Folgende Hashtags referenzieren in sozialen Medien auf den Frauentag: #IWD2021 oder #ChooseToChallenge


Quellen:


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